| Ziel
Inhalt
der CD
Kontakt
zur Autorin
letztes Update:
26.07.02
|
|
»Stillen
ist ein zentraler Teil eines umfassenden Ganzen, und es kann für
eine Frau bereichernd und entlastend sein, die individuelle Geschichte
mit ihrem Kind in den großen Zusammenhang einer anderen Geschichte
- unserer Kulturgeschichte - zu bringen. (...) Gerade das Wissen um diese
Geschichte, deren Folgen Mütter auf Schritt und Tritt spüren,
kann helfen, zu einem instinktiven Vertrauen in die mütterliche Kraft
und zu einer geglückten Stillbeziehung zurückzufinden.«
1
Dieses Zitat
von Ursula Henzinger beschreibt sehr schön meinen Motivationsgrund
für diese Arbeit.
1 Über das Thema
Ich
möchte mich mit den verschiedenen Aspekten des Themas Stillen auseinandersetzen.
Ein interessanter Bereich ist die Kulturgeschichte. Man kann davon ausgehen,
dass der Mensch zu 98% seiner Evolutionsgeschichte gestillt wurde. Erstaunlich
ist, dass es aber schon seit Hunderten von Jahren mehr oder weniger erfolgreiche
Versuche gab, sich dieser natürlichen Ernährungsform zu entziehen.
Aber auch heute noch stellt Muttermilch die optimale Ernährung für
Säuglinge dar, und dies nicht nur aus medizinischer Sicht. Vorteile
des Stillens möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen,
da die CD-Rom dies beinhaltet.
Über die Vorteile des Stillens hinaus kann es bereichernd sein, zu
erfahren, wie das Stillen in unterschiedlichen Ländern gehandhabt
wird und in diesem Zusammenhang nach den Beweggründen für die
verschiedenen Anschauungen und Traditionen zu suchen. Man kann viel über
eine Gesellschaft erfahren, wenn man beobachtet, wie sie mit ihren Kindern
umgeht.
Stillen ist ein sensibles Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind. Es wurde
und wird oft von außen beeinflusst. Wenn sich eine Frau dessen bewusst
wird und erfährt, dass es viele verschiedene Sichtweisen gab und
gibt, kann sie selbst freier in ihren Entscheidungen und unabhängiger
von äußerer Beeinflussung werden, sei es durch gesellschaftliche
Zwänge oder durch gut gemeinte Ratschläge. Dem Einfluss der
permanenten Bewerbung der - angeblich - fast gleichwertigen Alternative
zur Ernährung mit der Mutterbrust kann man sich nur schwer entziehen.
Die Fütterung mit adaptierter - der Muttermilch angepasster - Säuglingsnahrung
ist vielen Müttern als Lösung für Probleme und als Zeichen
für Unabhängigkeit daher sehr präsent.2
Der natürliche
Vorgang des Stillens wird weniger beworben als das Füttern von Ersatznahrung.
Deshalb ist er für viele nicht die selbstverständliche Ernährung
für Säuglinge.
Die Empfehlung der WHO lautet, Säuglinge mindestens sechs Monate
lang voll zu stillen und darüber hinaus, solange Mutter und Kind
es wünschen. (WHA / 2001)
Verschiedene Quellen geben an, dass 90 % der Frauen ihr Baby stillen möchten.
Die aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
e.V. (DGE) zur Situation des Stillens in Deutschland sagt jedoch aus,
dass tatsächlich nur wenige Frauen ihr Baby mehr als drei Monate
lang stillen (DGE / 2000). Nach vier Monaten werden nur noch 33 Prozent
und im sechsten Lebensmonat nicht mehr als zehn Prozent der Babys mit
Muttermilch ernährt.
Warum wird, obwohl es die meisten Frauen eigentlich wünschen, so
wenig gestillt? Als Grund wird häufig aufgeführt, dass den Frauen
Vorbilder, Informationen und Erfahrungen fehlen. In bekannten Zeitschriften
für Eltern liest man zweifelhafte Ratschläge, die teilweise
auf das Füttern mit der Flasche hinlenken.3
Außerdem
verstehen einige Frauen ihre Brust vorrangig als Sexualobjekt und erklären
sie deshalb für ihr Kind zur Tabuzone.
Wenn man bedenkt, dass das Stillen bei allen Säugetieren ein angelerntes
soziales Verhalten ist, das nur durch Zuschauen erlernt wird, also kein
Instinkt im eigentlichen Sinne ist, dann erkennt man, wie wichtig die
Weitergabe von Informationen von Generation zu Generation ist. Schimpansen
oder Gorillaweibchen, die im Zoo aufgewachsen sind, brauchen Unterricht
im Säugen der Jungen: so wird den Tieren manchmal von einer Frau,
die vor dem Affenkäfig sitzt und ihr Kind stillt, das Säugen
beigebracht.4
In der früheren
Großfamilie hat jede Frau schon einmal als Kind oder Jugendliche
das Stillen miterlebt. Heute halten viele Frauen nach der Geburt ihres
eigenen Kindes zum ersten Mal ein Neugeborenes auf dem Arm.
Stillen wird von der heutigen Gesellschaft nur unzureichend anerkannt.
Dazu kommt nicht selten ungenügende Beratung und Hilfestellung. Mütter
mit mangelndem Selbstvertrauen greifen dann schnell zu Alternativen.
Der Wunsch nach Unabhängigkeit vom Kind geht oft mit der scheinbaren
Unvereinbarkeit von Beruf und Stillen einher. Es gibt aber auch Frauen,
die beides vereinbaren und ihr Recht auf Stillpausen während der
Arbeitszeit nutzen.
Auf eine sehr direkte Art geht Wolfgang Schmidbauer mit dem Thema um:
»Es scheint praktisch unmöglich, Homo consumens vom Wert einer
Sache zu überzeugen, für die nicht Reklame gemacht wird, die
nichts kostet, gesund ist und keine komplizierte Bedienung erfordert.
(...) Der Konsum von Säuglingsnahrung ist ein typischer Beweis dafür,
wie ein natürlicher, gesunderhaltender Vorgang, an dem niemand verdienen
kann, (...) gegen den künstlich geweckten Bedarf nach schädlichen
Ersatzmitteln ausgetauscht wird.«5
Normalerweise
erfordert Stillen keine komplizierte Bedienung. Aber vielleicht wünschen
sich manche Frauen eine Bedienungsanleitung wie auf der Packung des Milchpulvers,
das sie maßgenau zubereiten können. Für das Stillen gibt
es auch Anleitungen, aber kaum einheitlich und keinesfalls so exakt.
Stillen ist ein eher intuitiver, individueller, natürlicher selbstregulierender
Vorgang. Das verunsichert manche Frauen. Deshalb sind die vor 40 Jahren
ausgegebenen Stillregeln6
vielleicht von vielen Frauen so schnell angenommen und umgesetzt worden,
obwohl es keine klinischen Studien gab, die diese Regeln begründet
und für sinnvoll erachtet hätten.
Ich habe eine Stillberaterin gefragt, wie sich eine Frau optimal auf die
Stillzeit vorbereiten kann. Sie antwortete: »Das werde ich sehr oft
gefragt. Die Mutter kann sich am besten darauf einstimmen, indem sie sich
über das Stillen informiert, bei Frauen fragt, die selbst gestillt
haben, oder in einer Stillgruppe zuschaut, wie Frauen ihre Kinder stillen.
Die Brust braucht keine Vorbereitung, das macht die Natur. Wichtig ist,
dass sich die Frau nicht erst nach der Geburt mit dem Stillen beschäftigt
und sie schon vor der Stillzeit weiß, wo sie sich Rat holen kann.«7
2 Ziel
Ich möchte
das Stillen nicht auf eine mögliche Form der Säuglingsernährung
reduzieren, für die es eine »Bedienungsanleitung« zu erstellen
gilt. Es geht mir darum, mit dieser CD-Rom, besonders mit den Geschichten,
die Lust und Neugierde zu wecken, sich mit dem Thema Stillen auseinander
zu setzen.
Dabei ist es nicht meine Absicht, mit missionarischem Eifer Frauen zu
überzeugen, die das Stillen für sich nicht in Betracht ziehen.
Mein Anspruch ist, Frauen, die sich für das Stillen entschieden haben,
zu unterstützen und ihnen Vorbilder zu zeigen und Erfahrungen weiterzugeben.
Die CD-Rom soll diese Frauen nicht belehren, sondern die Erfahrungsberichte,
Geschichten, Fakten und Ratschläge sollen den Frauen Wissen vermitteln,
das ihnen helfen soll, ihr Kind ganz selbstverständlich, natürlich
zu stillen.
Informationen über bereits bestehende Netzwerke sollen Frauen die
Möglichkeit geben, in Kontakt mit anderen Müttern zu treten
und sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Weiterhin werden Beratungsangebote
aufgezeigt und beschrieben.
/\
1 Henzinger,
Ursula: »Stillen. Die Quelle mütterlicher Kraft.«,
Walter Vlg., Düsseld., 1999, S.11
2 siehe Schmökel,
Katrin: »Diplomarbeit: Stillen - über den Umgang mit einer soziokulturellen
Selbstverständlichkeit«, Berlin, 1997, S.3
3 Zitat nach Yalom,
Marilyn: »Eine Geschichte der Brust«, Econ-Verl., Schröder,
München, 1998, S. 167
4 Zitat: »Im zweiten Lebenshalbjahr brauchen Kinder Nahrungsbausteine,
die in der Muttermilch nicht ausreichend zu finden sind. Außerdem
möchten viele junge Mütter dem Stillen von sich aus eine Grenze
setzen. Sie fühlen sich unfrei, wenn das Kind ihnen ständig
am Busen hängt (
)Statt der Muttermilch bekommt das Baby dann
erst einmal Flaschennahrung.«
Eltern-Ratgeber 1/2000 »Der beste Weg zum Abstillen«
5 Schmidbauer,
Wolfgang: »Weniger ist manchmal mehr. Zur Psychologie des Konsumverzichts«
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1997, S. 90
6
Mütter sollten ihre Babys nicht nach Bedarf, sondern nach Zeitplan
- alle 4 Stunden - stillen, vor und nach dem Stillen wiegen
7
F. Schombach im Gespräch mit mir am 07.05.02
|